02 April 2006

HSV : Aufsichtsrat kämpft gegen dumpfe Fans


Aufsichtsrat kämpft gegen dumpfe Fans

HSV: Wieder Probleme mit Radikalen - Supporters gründen Dachverband.
INTERVIEW Axel Formeseyn über die Verharmlosung von rechten Sprüchen und skandalöse Nazi-Gesänge in der U-Bahn.

Von A. LAUX

Hamburg

ABENDBLATT: Herr Formeseyn, wie viele Fans würden Sie gerne beim HSV auswechseln?

AXEL FORMESEYN: Diejenigen, die der Meinung sind, sie könnten ihr Gehirn an der eigenen Haustür abgeben und erst nach dem Spiel wieder einpflanzen. Für die nicht alleine der HSV zählt. Die sich nur produzieren wollen. Die nur dumpfes, latent rechtes Anti-Gehabe gegen alles und jeden drauf haben.

ABENDBLATT: Reden wir über eine kleine Randgruppe, oder ist die Tendenz zunehmend?

FORMESEYN: Zahlen habe ich nicht. Es ist besser geworden. Trotzdem gibt es offensichtlich immer noch genug Leute, die den Fußball benutzen, um ein Mal in der Woche den Dicken zu markieren, bevor sie sich dann vorm Chef wieder abbücken müssen. Aber am Sonnabend sind das die derbsten Kraftmeier, die nebenbei dann auch noch als erste pfeifen, wenn das Spiel mal nicht vernünftig läuft. Diese Fans definieren sich offenbar eher darüber, ihren Frust rauszulassen, statt den eigenen Verein zu supporten. Und wenn nebenbei Fanrechte beschnitten, wenn die Sicherheitsmaßnahmen erweitert werden, wenn es im Rahmen der Stadionshow nur um Dauerbeschallung und Entertainment geht, ist es denen oft scheißegal!

ABENDBLATT: In den Supporters News prangern Sie wiederholt auch das "Sieg"-Gebrülle und das Mitgrölen bei der Liedzeile "kommst du eigentlich aus Polen" aus der Fan-Hymne von Lotto King Karl an . . .

FORMESEYN: . . . und noch einiges mehr. Noch immer muß ich in der Bahn zum Spiel das unsägliche U-Bahn-Lied hören: "Eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir, von St. Pauli bis nach Auschwitz". Klar sind das nur vereinzelte Idioten. Aber jeder Idiot, der glaubt, das beim HSV singen zu müssen, ist mir einer zuviel. Oder wenn beim Bukarest-Spiel von der halben Nordtribüne "Zick-, Zack-, Zigeuner-Pack" gerufen wird. Wenn so was zur Normalität wird, wird es meiner Meinung nach gefährlich.

ABENDBLATT: Sind das mehr als kokettierende Sprüche, die seit Jahren unreflektiert gesungen werden? Wie politisch ist Fußball überhaupt noch?

FORMESEYN: Wenn es nach mir ginge, wäre Fußball unpolitisch. Ich weiß nicht, wie die denken, die solche Sprüche im Stadion bringen. Die meisten denken sich wohl kaum etwas dabei. Wenn ich nur ein paar davon zum Nachdenken anrege, wäre ich schon zufrieden.

ABENDBLATT: Wie sollte man diesen von Ihnen genannten Auswüchsen begegnen?

FORMESEYN: Ich will hier nicht den altklugen Besserwisser spielen. Mir geht es nur darum, meinen Finger in eine meines Erachtens vorhandene Wunde zu legen. Der Verein ist ja schon viel aktiver in solchen Fragen, wie die Teilnahme an der Initiative "Laut gegen Nazis" zeigt. Trotzdem: Das kann nur der Anfang sein, nachdem lange Jahre geschlafen wurde. Mir geht es um Aufklärung, darum, sensibel genug zu sein, um mitzubekommen, wo der Anfang dessen ist, was menschenverachtend ist. Auf und abseits der Tribünen. Auch, um den Ruf des HSV in der Stadt weiter zu verbessern.

ABENDBLATT: Die Gegner Ihrer Thesen werden Ihnen vorwerfen: Fußball ist im Ursprung ein Kampfsport, roh, die Fans müssen nicht immer ausgewogen oder klinisch rein sein. Wo hört der Spaß für Sie auf?

FORMESEYN: Ich habe selbst früher genug Quatsch gemacht. Trotzdem finde ich, man kann seinen Verein unterstützen, die Sau rauslassen und dabei den Kopf eingeschaltet haben. Und wenn ich sehe, daß um mich herum Mist passiert, dann muß ich als HSVer auch den Hintern hochkriegen und was dagegen tun.

ABENDBLATT: Der HSV hat mit den Supporters eine vorbildhafte Fanorganisation. Wird dennoch zu wenig getan, gerade gegen Rechts?

FORMESEYN: Ich bin in der Tat froh, daß es so viele gute und aktive Leute beim HSV gibt. Trotzdem könnten noch mehr Fans aufstehen, mithelfen und dazu beitragen, daß es noch besser wird.