Rassismus : Ein ganz nornaler Samstag

Ein ganz normaler Samstag
Von Mike Glindmeier und Jens Todt
Sie singen "eine U-Bahn von St.Pauli nach Auschwitz". Sie imitieren Affengeräusche, pöbeln gegen Türken: In Amateur-Stadien pflegen Fansoffen Antisemitismus und Rassismus. Ein SPIEGEL-ONLINE-Report voneinem ganz normalen Fußball-Samstag.Der Hass ist unüberhörbar: "Drecksjude, gib Gas", hallt es durch dasBerliner Sport Forum, der Heimspielstätte des BFC. Mit "Drecksjude"ist ein Spieler der Gästemannschaft Tebe Berlin gemeint, der imOberliga-Derby beim BFC Dynamo kurz vor dem Abpfiff nach einem Foulauf dem Boden liegen bleibt. "Die Juden muss man alle in eine Tütestecken und in ihre Heimat schicken", wettert ein BFC-Anhänger inTarnjacke. Widerworte sind keine zu hören. Tebes Pressesprecher HagenLiebing kennt derlei Provokationen: "Diese Judennummer gehört beim BFCdoch schon zur Folklore", sagt Liebing genervt.Hintergrund der antisemitischen Äußerungen von den Rängen ist eineuralte Rivalität der beiden Stadtnachbarn. Zur Blütezeit der"Lila-Weißen", wie die Charlottenburger aufgrund ihrer Trikotfarbengenannt werden, waren rund 15 Prozent der Mitglieder jüdischenGlaubens. Das war in den 1920er Jahren. Noch heute wird der Verein vongegnerischen Fans als "Judenclub" bezeichnet.Neben Antisemitismus wird auch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufder altehrwürdigen Sportanlage, die im Stadtteil Hohenschönhausenzwischen Plattenbauten und stillgelegten Industrieanlagen liegt, offenausgelebt. "Hast Du das mit dem Neger aus Leipzig mitbekommen, der denHitlergruß gemacht hat?", will ein kurzrasierter Mitdreißiger mitBFC-Kappe und weit aufgerissenen Augen von seinem Nachbarn wissen."Klar, das ist einer von uns", johlt sein offensichtlichalkoholisierter Gegenüber und lacht, während die beiden ihrePlastikbecher gegeneinander stoßen. Bier schwappt auf ihre Schuhe, ehesie Arm in Arm ein lautes "Lilaweiße Westberliner Scheiße" genGästeblock schmettern.Viele Besucher tragen ihre Gesinnung offen zur Schau: "Dauerkartestatt Döner", prangt in altdeutscher Schrift auf dem T-Shirt einesmuskelbepackten Anhängers. Die bei Rechtsradikalen beliebte Modemarke"Thor Steinar" gehört offenbar ebenso zur Etikette wie Shirts mit derAufschrift "Hooligan" oder "Kategorie C". Diese Begriff stammt aus demPolizeijargon und bezeichnet "gewaltsuchende Fans". Nach Schätzungender Sicherheitsbehörden gibt es rund 3000 Kategorie-C-Fans, über dieHälfte davon kommt aus den neuen Bundesländern. In Berlin sind derzeitetwa 300 Personen dieser Kategorie zugeordnet, knapp 1000 Anhängergelten als "gewaltbereit" (Kategorie B). Als Verein mit den meistengewaltbereiten Fußballfans gilt der BFC Dynamo.Der Großteil des Stadions gleicht einer national befreiten Zone,ausländische Besucher verirren sich kaum nach Hohenschönhausen."Schwuchtel" gehört noch zu den harmloseren Dingen, die dasSchiedsrichtergespann bei umstrittenen Entscheidungen ertragen muss.In diesem Zusammenhang wirkt Punkt vier der Stadionordnung, die aufeiner lieblos gestalteten Plastiktafel an der seitlichen Fassade derTribüne hängt, wie ein Ruf ins Leere. "Diskriminierende Äußerungen undBeleidigungen sind grobe Unsportlichkeiten und sind zu unterlassen",steht da geschrieben. Bei Zuwiderhandlungen behält sich der VereinStadionverbote gegen die Übeltäter vor. Hätte der Gastgeber an diesemSamstag seine Stadionordnung konsequent umgesetzt, wäre rund einDrittel der 1007 Besucher schon zur Halbzeit nicht mehr anwesendgewesen."Eine U-Bahn von St. Pauli bis nach Auschwitz"Hässliche Szenen auch in Hamburg. Dort gibt es regelmäßigAuseinandersetzungen, wenn der FC St. Pauli Gegner aus dem Ostenempfängt. So auch am Samstag im Spiel gegen dasRegionalliga-Schlusslicht aus Chemnitz. Schon in der ersten Halbzeitkommt es zur Eskalation: Rund 200 Anhänger provozieren die alspolitisch links bekannten Fans des FC St. Pauli mit Liedern wie "EineU-Bahn bauen wir, von St. Pauli bis nach Auschwitz" oder "Galatasaray,wir hassen die Türkei".Dass es bei dieser brisanten Begegnung zu Problemen kommen könnte, warlaut St. Paulis Sicherheitsbeauftragten Sven Brux absehbar: "Es istjedes Mal das Gleiche. Im Vorfeld werden unsere Bedenken von Seitendes Gastvereins mit den Worten 'da passiert schon nichts' abgetan",sagt Brux. Seine Stimme überschlägt sich dabei fast vor Wut. "Nach demSpiel heißt es dann: 'Wir wissen auch nicht, wo die herkommen'", soBrux weiter. Ein weiterer Grund für seinen Zorn: St. Pauli hatte diePolizei bereits während des Spiels nach einer heftigenRauchbombenattacke des Chemnitzer Anhangs und diverser weitererProvokationen dazu aufgefordert, den Block zu räumen, um einAufeinandertreffen der rivalisierenden Fangruppen nach dem Spiel zuvermeiden - vergebens.Erst eine Stunde nach dem Schlusspfiff besteigen die Chemnitzer unter"Hier marschiert der nationale Widerstand"-Gesängen die von derPolizei angeforderten Sonderbusse. Aus ihren Mienen spricht eine klareBotschaft: Wir haben zwar das Spiel 2:3 verloren, aber uns gehört dieStraße. Rund um das Millerntor gehen die Beamten derweil mitWasserwerfern gegen Hamburger Fans vor, die Barrikaden errichtethatten. Die abfahrenden Busse werden mit Steinen und Flaschenbeworfen. Erst nach einer weiteren Stunde kehrt Ruhe ein."Im Grunde sind die nicht rassistisch"Etwas weniger zu tun haben die Ordnungskräfte in Dresden. Am DresdnerJägerpark parken gut zwei Dutzend Polizeifahrzeuge in der schmalenStraße zwischen dem Stadion und dem angrenzenden Wohngebiet. Rund 100sächsische Bereitsschaftspolizisten wurden abgestellt, um am heutigenNachmittag die Sicherheit zu garantieren. "Eigentlich wären wir nochmehr gewesen, aber wegen der Elbflut wurden uns Kräfte abgezogen",sagt ein Polizist. Die Beamten müssen nicht etwa eine Großdemobegleiten, Grund für ihre Anwesenheit ist ein Fußballspiel der viertenLiga.Der FV Dresden Nord erwartet den Oberliga-Spitzenreiter FC Magdeburg,dessen Anhänger stets in großer Zahl die Auswärtsspiele der Mannschaftbegleiten. "In dieser Liga haben wir jede Woche ein Heimspiel", sagtein angereister Zuschauer. Gut zweihundert Fans passieren den schmalenStadioneingang, argwöhnisch beobachtet von den Polizisten. Die Beamtentragen Schutzwesten und Schulterprotektoren, den Helm halten sie inder Hand. Viele Magdeburger Anhänger wanken betrunken voran, einigekönnen sich kaum noch auf den Beinen halten. Stämmige Männer mitkahlem Schädel sind darunter, Frauen sind kaum zu sehen. Kinderüberhaupt nicht."Eigentlich haben wir mit den Magdeburgern keine allzu großenProbleme", sagt eine junge Beamtin. Als sei es Normalität, dass einePolizei-Hundertschaft ein viertklassiges Spiel absichert. Es gebenatürlich gelegentlich Ärger, auch rassistische Pöbeleien, abereigentlich halte sich meist alles im Rahmen. "Im Grunde sind die nichtrassistisch", so die Polizistin, "aber wenn sie betrunken sind undFrust haben, sind die gegen alles. Gegen den gegnerischen Verein,gegen Ausländer, gegen die Polizei, gegen alle." Ein Magdeburger Fansagt, er finde es "schlimm, dass alle immer auf den Osten einprügeln,wenn etwas passiert." Ein Polizist beklagt, dass "die Schläger" immerhäufiger bei den Spielen der unteren Ligen auftauchen, weil es dortnormalerweise einfacher sei, sich zu prügeln.Als zu Beginn der zweiten Halbzeit der Magdeburger Stürmer RenéN'Dombasi, ein Schwarzer, eingewechselt wird, sagt ein Jugendlicherauf der Haupttribüne des Stadions zu sich selbst: "Komm, Affe, renn!"Als N'Dombasi den Dresdner Torwart foult, imitiert eine HandvollDresdner Fans für einen kurzen Moment Affengeräusche. "Hey, ihr habtdiese Geräusche gemacht", sagt einer aus der Gruppe, "das finde ichgar nicht gut." Alle lachen. Fußball wurde auch gespielt am Jägerpark.Der abstiegsgefährdete Gastgeber besiegte Magdeburg mit 4:1. Hinterhersagt ein Polizist, dass es keine besonderen Probleme gegeben habe."Alles normal."
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