02 April 2006

Rassismus : Samuel Eto´o

„Ich spiele nicht weiter“
Barcelonas Star Samuel Eto’o hat in Spanien endlich eine Debatte über Rassismus ausgelöst, als er drohte, wegen übler Schmähungen den Platz zu verlassen
Von Phil Ball, San Sebastian

Es ist gerade einmal anderthalb Jahre her, dass Luis Aragones ausfallend wurde. Spaniens Nationaltrainer hatte Nationalspieler José Antonio Reyes einen ganz besonderen Gruß mit auf den Weg gegeben: Er solle seinem Mannschaftskameraden beim FC Arsenal, Starstürmer Thierry Henry, ausrichten, dass dieser „schwarze Scheiße“ sei. Einige spanische Fußball-Fans nahmen das als Aufforderung, Englands schwarze Nationalspieler bei einem Länderspiel in Madrid im November 2004 anzupöbeln.Die Aufregung war danach groß, doch schon bald wurde es wieder stiller um das Thema Rassismus im spanischen Fußball, zumindest an der Oberfläche. Bis letzte Woche. Da beleidigten Zuschauer in Saragossa einen anderen schwarzen Starstürmer, Samuel Eto’o vom FC Barcelona. Doch der Kameruner wollte sich das nicht mehr gefallen lassen: „No juego más“ (Ich spiele nicht weiter), sagte Eto’o und marschierte in Richtung Kabine. Trainer Frank Rijkaard, als Spieler des AC Mailand einst selbst Opfer rassistischer Pöbeleien, tröstete Eto’o und überredete ihn weiterzumachen.Eto'os Protest könnte Spaniens Fußballverband nun endlich zum Handeln zwingen. Zu lange wurde nur zugesehen. Eto’o selbst war schließlich schon in der vergangenen Saison, auch im Spiel in Saragossa, mit Affenlauten geschmäht worden. Damals konterte er mit Humor und legte für die Zuschauer eine kurze Affen-Pantomime auf. Saragossa musste 600 Euro Strafe zahlen. Getafe, Malaga und Atletico Madrid erhielten dieselbe Buße für ähnliche Vorfälle. Die Summe entspricht in etwa den Aufwendungen eines gastgebenden Vereinspräsidenten, der die Repräsentanten des Gästeklubs zum Lunch einlädt. So was schreckt niemanden ab.Spanien ist ein wunderbares Land, in dem die Kunst der Konversation gepflegt wird. Die Spanier lieben endlose Debatten. Aber sie selbst geben als Erste zu, dass das schnelle exekutive Eingreifen nicht ihre Stärke ist. Das Versäumnis, die vier Klubs in der letzten Saison härter zu bestrafen, trug sicher maßgeblich zur neuen Affäre Saragossa bei. Denn die Klubs sahen keinen Anlass, gegen die Rassisten in ihren Reihen vorzugehen, obwohl die Übeltäter doch alle 14 Tage auf den Überwachungskameras in ihren Stadien sichtbar sind. Bei Atletico Madrid etwa wurden Balljungen sogar von den Kameras und Mikrofonen des Senders „Canal Plus“ aufgenommen, als sie die schwarzen Spieler von Espanyol Barcelona rituell beleidigten.Auf die Nachfrage, ob diese Balljungen inzwischen Stadionverbote hätten, war die Antwort des Klubsprechers: „Welche Balljungen?“ Was will man erwarten von einem Klub, der einem harten Kern von Fans über Jahre erlaubt hat, Hakenkreuzfahnen hinter dem Tor zu entrollen?Nach dem neuerlichen Fall Saragossa aber wird es nicht mehr so einfach, über solche Vorfälle hinwegzusehen. Schiedsrichter Esquinas Torres hatte den Mut, das Spiel schon vor Eto’os Protest zu unterbrechen und von den Gastgebern eine Stadiondurchsage zu verlangen, um die Affenlaute zu unterbinden. Die Durchsage erreichte exakt das Gegenteil. Doch durch die Eskalation und schließlich Eto’os drastischen Protest sah sich der Schiedsrichter veranlasst, alles haarklein im Spielbericht festzuhalten – ein Dokument, das den spanischen Verband in die Verantwortung nimmt.Doch schon vor den Sportfunktionären äußerte sich der Sportminister. Jaime Lissavetzky, selbst Sohn von Immigranten, erinnerte die Liga-Verantwortlichen in einer Pressekonferenz daran, dass Spanien seinem schlechten Ruf als Land, das Rassismus toleriere, dringend ändern müsse. Allerdings hatte sich Lissavetzky selbst bis dahin auch nicht als Kämpfer gegen Rassismus im Sport hervorgetan.Im Dezember 2005 gehörte Spanien zu den Unterzeichnern der vom Weltverband Fifa aufgelegten Initiative „Kick Racism out of Football“. Sie basiert auf drei Grundsätzen, die eigentlich Forderungen sind: 1. Die Öffentlichkeit für das Thema Rassismus und Sport zu sensibilisieren, 2. rassistische Fans anzuprangern, 3. den Druck auf Vereine zu erhöhen, damit solche Fans bestraft werden. Spanien hat keine dieser Forderungen erfüllt. Vier Stunden nach dem Saragossa-Spiel wurde der Klub vom Verband mit einer Strafe von 9000 Euro belegt. Die Presse spendete Beifall, die Sache schien erst mal erledigt. Doch am nächsten Tag nannte Samuel Eto’o die Strafe „zu niedrig“ und forderte eine Platzsperre von einem Jahr für das Stadion von Real Saragossa. Das mag etwas übertrieben klingen, doch es scheint in diesem Fall die Gefühle wiederzugeben, die viele Spanier nach diesem Zwischenfall hatten: Genug ist genug.Doch statt die immer noch überaus glimpfliche Strafe zu akzeptieren und sich endlich daranzumachen, auf rassistische Fans einzuwirken, kündigte Saragossa an, beim Verband Widerspruch einzulegen und notfalls vor ein Zivilgericht zu ziehen. Der Klub fühlt sich ungerecht behandelt, weil an ihm nun ein Exempel statuiert werden solle. Tage nach dem Vorfall veröffentlichte Real Saragossa schließlich ein Statement, in dem sich der Klub von den rassistischen Gesängen gegen Eto’o distanzierte – das war wieder einmal zu wenig und zu spät.