23 November 2006

Hooligans : der neue Hooliganismus wird toleriert

Der neue Hooliganismus wird toleriert
Das WM-Sommermärchen gibt es nur noch im Kino, auf Deutschlands Fußballplätzen ist der Alltag zurückgekehrt. Doch der Hooliganismus 2006 ist kein fußballspezifisches, sondern eine gesellschaftspolitisches Problem - und muss dementsprechend bekämpft werden.Von Ralf KöttkerEs ist noch nicht lange her, da lag sich ganz Deutschland freudentrunken in den Armen und feierte die Fußball-Weltmeisterschaft. Es ging um Tore und Toleranz, nicht um Hautfarbe oder Herkunft. Mittlerweile gibt es das Sommermärchen nur noch im Kino. Auf und neben deutschen Fußballplätzen ist der Alltag zurückgekehrt. Und mit ihm die Probleme. Ein Pokalspiel in Stuttgart musste wegen eines Bierbecherwurfs abgebrochen werden, bei der Bundesliga-Partie am Samstag zwischen Hertha BSC Berlin und Cottbus gilt die höchste Sicherheitsstufe. Und im Siegerland fallen aus Protest gegen zunehmende Brutalität alle Kreisligaspiele aus. Dass es bei der WM nicht zu größeren Ausschreitungen kam, ist kein Indikator für einen Bewusstseinwandel, sondern vielmehr das Resultat massiver staatlicher Präventionsarbeit. Gewalt im Fußball ist ein latentes Problem, das nur kurzzeitig durch kollektive WM-Begeisterung überspielt wurde. Und die Bekämpfung wird immer schwieriger, weil sich die Gewalttäter verändert haben. Der altmodische Hooligan in seiner Definition als unpolitischer, keiner speziellen sozialen Gruppe zugehöriger Randalierer ist ein gesellschaftliches Auslaufmodell. Seit dem Angriff auf den französischen Polizisten Daniel Nivel bei der WM 1998 wurde diese Schlägerszene kontinuierlich geschwächt. Die neue Form des Hooliganismus hat eine andere, viel schwerer greifbare Gestalt. Die Gruppierungen kommen größtenteils aus sozialen Problemmilieus, ihre Mitglieder haben eine dementsprechend niedrige Qualifikation und wenig Perspektiven. Während es bei den früheren Hooligans nur eine kleine Schnittmenge mit einer politisch motivierten Szene gab, sind die heutigen Mitglieder häufig auch Teil des rechtsextremen Spektrums. Übergänge zwischen rechtsradikalen Vereinigungen und Fangruppierungen sind fließend. Rassismus wird deshalb immer mehr Teil der Randale. So lassen sich auch die Übergriffe der vergangenen Wochen erklären. Der schwarze Schalker Gerald Asamoah wurde in Rostock mit Affengebrüll diskriminiert, der Gladbacher Kahe in Aachen als Asylant beschimpft, Sachsen Leipzigs Nigerianer Ogungbure in Halle angegriffen. Deutsche Gewalttäter marschierten am Rande des Länderspiels in der Slowakei im Stechschritt durch Bratislava. Und in Berlin wurde die Kreisliga-Partie zwischen Altglienicke II und TuS Makkabi II wegen antisemitischer Beleidigungen abgebrochen. Neben der gezielten Provokation gehört die extreme politische Parole zum Auftritt. Die Verbände sind dabei, auf die neue Problematik zu reagieren. In Anlehnung an Artikel 55 des Disziplinarreglements des Weltverbandes Fifa hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) härtere Sanktionen für Vereine bei fremdenfeindlichen Vorkommnissen beschlossen und bereits umgesetzt. Der Strafenkatalog reicht von Geldbußen über Platzsperren bis hin zu Punktabzügen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat gerade einen hauptberuflichen Fanbeauftragten eingestellt, der an der Basis wirken soll. Dazu werden Fanprojekte in den einzelnen Vereinen nicht nur mit Ratschlägen, sondern auch mit einer Million Euro gefördert. Es geht um die eigennützige Imagepflege der Marke Bundesliga, aber auch um das ehrlich gemeinte Anliegen, den neuen Hooliganismus zu verdrängen. Das Problem ist allerdings, dass er sich meistens nur verlagert. Die neuen Fußball-Krawallmacher haben ihr Betätigungsfeld längst in die unteren Spielklassen verlegt, in Kreis-, Ober- oder Regionalligen. Dort gibt es keine szenekundigen Beamten oder Konfliktmanager, keine massiven Polizeikontrollen, keine Videoüberwachung der Tribünen. Die Gewalttäter müssen Strafverfolgung oder sportgerichtliche Einflussnahme kaum fürchten, weil den Vereinen die finanziellen Mittel dazu fehlen. Manchmal fehlt auch der Wille. Dass es dabei auffallend oft in der ostdeutschen Fußballprovinz zu rassistischen Übergriffen kommt, ist kein Zufall. In Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen mit einem vergleichsweise hohen Anteil von Wählern oder Sympathisanten rechter Parteien ist die soziale Kontrolle geringer. Der neue Hooliganismus wird von einer schweigenden Menge toleriert und damit akzeptiert. Die Androhung strafrechtlicher Konsequenzen oder die Restriktionen der Verbände greifen deshalb zu kurz. Hooliganismus 2006 ist kein fußballspezifisches, sondern eine gesellschaftspolitisches Problem. Dem Wandel der gewaltbereiten Szene kann nur mit einem Bewusstseinswandel begegnet werden. Fußballplätze dürfen nicht als eigenständige Problemfelder, sondern müssen als öffentliche Orte begriffen werden, auf denen nur eine Maxime Erfolg verspricht: Gewalt und Rassismus sind nur dann zu bekämpfen, wenn sie von der Mehrheit ins Abseits gestellt werden.
Artikel erschienen am 27.10.2006 Quelle : Die Welt